Integration und EM 2008

2 07 2008

Seit dem berühmten Sommermärchen 2006 gibt es berechtigte Hoffnungen in Bezug auf Integration der Muslime in Deutschland. Es gab eine Menge Muslime die angefangen haben, sich mit der deutschen Nationalmannschaft zu identifizieren. Sie schwenkten Deutschlandfahnen und fieberten mit. Und wer sich schon mit der Nationalmannschaft identifiziert, der vergisst nach dem Turnier die Mannschaft, womit nur noch die Nation übrigbleibt. Jetzt leben hier rund 3 Millionen Muslime türkischer Abstammung, was natürlich 2006 dazu führte dass sie sich nicht zwischen Türkei und Deutschland zu entscheiden mussten. Ich war gespannt wie es bei dieser EM zugehen würde. Es gab mit beginn der EM viele Autos, die Türkei- und Deutschlandfahnen auf dem Dach hatten. Zu denen gehörte ich auch. Es ist aber keine einfache Entscheidung für mich gewesen, denn es war ein Gefühlskampf. Schließlich hänge ich dort die Fahne eines Landes auf, wo ich als Mensch mit Migrationshintergrund und insbesondere als Muslim wirklich schwer hatte voranzukommen. So hing ich es mit gemischten Gefühlen auf. Die Leute schauten schon verdutzt drein. Einige Kommentare von Bio-Deutschen setzten einem schon zu. Irgendjemand brach mir die Türkeiflagge vom Auto.

Mit diesen Gefühlen schaute ich das Spiel Portugal gegen Türkei. Es gab ohne Ende Vorberichte über die Portugiesen und ein paar Bilder und Reportagen zu den Türken. Der „parteilose“ ZDF-Reporter mutierte zum Portugalfan. Das regte mich mehr auf als die Niederlage. Als Türkei die Schweiz und Tschechien besiegten, waren die Kommentatoren nur damit beschäftigt, zu ergründen, warum die beiden Nationen verloren hatten, statt zu schauen, warum die Türkei siegte. Den Todesstoß gaben die Jubelorgien der Bio-Deutschen bei allen Toren der Türkei-Gegner. Warum um Himmelswillen jubeln die Bio-Deutschen, wenn Türkei Tore kassiert? Genau von diesen Türken haben die Bio-Deutschen überhaupt gelernt, wie man den Sieg seiner Nationalmannschaft feiert. Ich erinnere mich, an die EM 96 wo Deutschland Euromeister wurde. Ein Auto hupte im Vorbeifahren an unserem Haus. Heute sind es ganze Auto-Korsos die vorbeiziehen. Das gibt es seit der WM-Vorrunde 2006, wo die Türken ausflippten und wenig später die Bio-Deutschen.

Wie weit die Integration der türkischen Muslime vorangeschritten ist, zeigt sich im Spiel zwischen Deutschland und Türkei. Interessanterweise solidarisierten sich viele Muslime anderer Ethnien mit der Türkei. Es war in der Tat mehr als ein Spiel. Würde Türkei gewinnen, wäre es für Deutschland ein Gau, denn diejenigen die als Arbeiter kamen, die Menschen zweiter Klasse, fordern heraus. Wie überlegen man sich fühlt zeigten die Spielprognosen. Die wohlgesonnensten gaben der Türkei einen Treffer in einer Niederlage. Wie nett. Verlieren kommt gar nicht in Frage. Gewinnen die Türken, können sie 40 Jahre Schmach auskurieren. Deutschland kam mit einem blauen Auge davon. Allerdings gibt es mehr Erkenntnisse bei diesem Spiel:

Die Kluft zwischen Bio-Deutschen und den Muslimen ist größer als man glaubte. In 40 Jahren ist man keine 40 Schritte nach Vorne gekommen. Es gibt eine Menge was sich auf beiden Seiten ändern muss. Das Problem ist nur, dass beide Völker sehr wenig gemeinsame Schnittstellen haben. Ich glaube dass viele Verfechter von Integration durch diese EM viel an Argumentationsgrundlage verloren haben. In diesem Land braucht man scheinbar kein Pluralismus. Das zeigt sich vor dem Spiel, wo die Reporter etwas Interessantes fragten: „Heute ist es so weit. Sie müssen sie sich entscheiden. Für wen sind sie?“

Ich jedenfalls habe wieder beide Flaggen auf dem Auto. Bin gespannt, welche der Wind zuerst abreist.


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